Ernst Hinterberger – Salz der Erde

Roman August 25th, 2008

Es ist schwierig, etwas zu “Salz der Erde” von Ernst Hinterberger zu schreiben. Durch seinen Hauptcharakter Edmund Sackbauer, genannt Mundl, der einige Jahre später in Ein echter Wiener geht nicht unter, österreichische TV-Geschichte geschrieben hat, wird das Unterfangen nicht einfacher. Das Problem dabei ist, dass der bekannte Grantler der Serie gerade am Ende nur mehr wenig mit der Figur des Buches gemein hat.

Edmund Sackbauer nimmt die zentrale Stellung in der Familie Sackbauer ein. Er sieht sich als pater familias und unter seinem Schreckensregiment leidet die ganze Familie. Sohn Karli nicht so besonders, da er dem Vater am ähnlichsten ist, aber als dieser das Stemmen bleiben lässt, ist es auch mit ihm vorbei. Da hilft ihm auch nicht das Engagement als Freistilringer und der Erfolg, den er dabei hat. Das Ringen bleibt für Mundl eine “ausgmachte Sach” und damit kein ehrlicher Sport. Da trinkt er lieber Bier und reißt und stoßt Eisenstangen gen Himmel im Hinterzimmer.

Das Buch erzählt konsequent die Geschichte der Demontage der alleinigen Macht des Vaters innerhalb der Familie. 1966 erstmals veröffentlicht, trifft Hinterberger die Entwicklungen der Zeit damals aufs Korn. Den Machtverlust nicht verkraftend und als Auslaufmodell bleibt Edmund Sackbauer am Ende alleine auf der Straße zurück. Seine Kinder haben ihn verlassen, seine Frau lässt sich zwar nicht von ihm scheiden, macht ihm aber schwere Vorwürfe, da sie ihr Leben als vergeudet ansieht. Mit Edmund vergeudet. Immer weniger gelingt es ihm, seinen Kopf durchzusetzen, gegen Hanni, seine Tochter, gegen Karl, der als sein jugendliches Ebenbild auftritt, gegen seinen Bruder Johann, genannt Schani, und zuletzt auch gegen seine Frau.

Diesen graduellen Verlust beschreibt das Buch aus den Perspektiven der einzelnen Charaktere. Jeder hat seine eigenen Probleme, Schani plagen Erinnerungen an Russland während des zweiten Weltkriegs, Hanni und ihr Freund Franzi zerstreiten sich, um sich später zu verloben, Karl driftet ab in die Ringerwelt und verliert sich in Paris, kommt goldkettenbehängt wieder zurück und erzählt von älteren Damen als Mentorinnen, denen er sich mittels gelegentlichem Liebesdienst verpflichtet hat. Jede dieser Geschichten nagt an Edmund, wie auch seine eigene zunehmende körperliche Unzulänglichkeit, bis am Ende vom Mundl außer Unsicherheit alles restlos abgenagt wurde.

Erwähnt werden muss noch, dass das Buch ein zutiefst wienerisches Buch ist. Das zumindest ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten mit der TV-Serie.

David & Leigh Eddings – The Redemption of Althalus

Fantasy August 17th, 2008

The Redemption of Althalus, die deutsche Ausgabe beschränkt sich nur auf den Namen des Hauptcharakters als Titel, Althalus, ist – ausnahmsweise, könnte man sagen – ein alleinstehendes Werk des Autorenehepaares David und Leigh Eddings, das nach den jeweils mehrbändigen Werken der Belgariad oder der Elenium fast schon ein Novum darstellt.

Diese Länge (im englischen Original knapp über 900 Seiten) erzeugt für David und Leigh hier ein Problem der Kürze, da sie gewöhnt sind, die Handlung, die sie hier unterbringen, auf mehrere Bände zu verteilen. Zumindest scheint es so. Der Handlungsstrang ist geradlinig und läuft, ziemlich vorhersehbar, auf das gewünschte Ende zu. Althalus, ein Dieb aus Berufung, wird von Ghend, seinem künftigen Gegenspieler beauftragt, ein Buch zu stehlen, das sich im Haus am Ende der Welt befinden soll. Nach einem Jahr laufender Misserfolge, die die ersten 70 Seiten des Buches ausmachen, beginnt sich mit diesem Auftrag scheinbar das Blatt zu wenden. Alles läuft problemlos, nur hat er nicht mit der Katze gerechnet, die über das Buch wacht.

Damit beginnt die Handlung erst wirklich zu laufen, und David und Leigh versuchen, die Leserschaft in einen epsichen Konflikt dreier Geschwister zu verwickeln. Althalus wird im Haus am Ende der Welt zum Streiter der Schwester zweier Brüder, Dweia, und beginnt einen scheinbar unmöglichen Kampf gegen den Versuch des einen Bruders, Daeva, die Vorherrschaft über die Welt zu übernehmen. Dass die drei Geschwister auch die Götter dieser Welt sind, ist rein zufällig…

Althalus und Emerald, Emmy, eigentlich Dweia, begeben sich auf die Suche nach ihren Mitstreitern, die alle über bestimmte besondere Eigenschaften verfügen. Daeva verfügt über eine gleich große Gruppe von Untergebenen, die genau die gleichen Eigenschaften besitzen.

Was nun beginnt, ist ein systematisches Abarbeiten der jeweils gegenüberliegenden Personen der beiden Gruppen. Das problematische daran ist, dass den “Guten” dabei nie etwas geschieht, und diese immer das Glück auf ihrer Seite haben. Das kann man leicht als Deus-Ex-Machina missverstehen, aber Dweia ist nun einmal auch die Göttin des Glücks. Der Spannung ist es, gelinde gesagt, eher abträglich.

Aber um Spannung geht es hier in meinen Augen garnicht. Spannung konnten die beiden Autoren noch nie überzeugen schreiben. Dafür waren und sind sie noch immer in der Lage, äußerst unterhaltsame Charaktere zu fabrizieren, die über ihre Dialoge, die gelegentlich ein wenig zu lang sind, zumindest bei mir häufiges Lachen auszulösen in der Lage war.

Schade ist nur, dass viele der Charaktere stark an die Belgariad erinnern. Althalus trägt Züge von Belgarath, genauso wie Dweia Züge von Polgara ihr eigen nennen darf. Das trifft natürlich nur jene, die die anderen Bücher kennen, es ist aber auffällig.

Das Buch bleibt für mich zwiespältig. Einer einfache, vorhersehbare Handlung stehen sehr unterhaltsame Charaktere gegenüber, mit denen man zumindest viel Lachen kann. Spannend wird es dabei selten. Wer gerne Unterhaltung liest und viel Spaß an den Beziehungen zwischen den Charakteren hat, der ist mit dem Buch sehr gut beraten. Allen anderen, die lieber auch mehr Handlung haben wollen, sei die Belgariad ans Herz gelegt.

Das Kabinett des Magiers – Christopher Priest

Mystery, Tagebuchroman Juni 28th, 2008

“Eine Illusion umfasst drei Phasen.
Zuerst gibt es da die Szenerie auf der Bühne, mit der das Wesen der Nummer angedeutet, suggeriert oder dargelegt wird. Die Requisiten sind zu sehen. Manchmal nehmen Freiwillige aus dem Publikum an den Vorbereitungen teil. Während der einleitenden Phase macht der Magier von jeder nur möglichen Irreführung Gebrauch.
Bei der Ausführung des Tricks gehen die lebenslange Übung des Magiers und die angeborene Geschicklichkeit des Schauspielers eine Verbindung ein und bringen die magische Darbietung hervor.
Die dritte Phase wird manchmal als der Effekt oder (mit einem Wort aus dem Italienischen, das auch “Blendwerk” bedeutet) als der Prestigio bezeichnet und stellt das Produkt der Magie das. Wenn ein Kanichen aus dem Hut gezogen wird, kann man das Tier, das anscheinend vorher nicht existiert hat, den Prestigio des Tricks nennen.”

Blendwerk ist der zentrale Punkt des Buches, denn man bekommt nie gleichzeitig ein vollständiges Bild zu sehen, nur das, was man nach dem Willen des jeweiligen Erzählers sehen soll. Nicht zu vergessen haben wir es mit Magiern zu tun, und die haben natürlich auch Geheimnisse zu hüten und sprechen oft nur in Andeutungen.
Die einzige Ausnahme ist ein kurzes Stück in Teil 3, was dadurch auffällt, dass es als einziges eine objektive Perspektive hat.

“Das Kabinett des Magiers” (englischer Orginaltitel “The Prestige”) ist ein Tagebuchroman. Genauer gesagt, besteht es aus den Tagebüchern von zwei sich befehdenden Magiern während der Zeit um 1900, einem Auszug aus dem Tagebuch der Urenkelin des einen von beiden und einer Rahmenhandlung, die aus der Sicht des Urenkels des anderen erzählt wird. Die beiden letzten dienen nur dazu, die letzten Informationsteilchen zu liefern, damit aus den beiden ersten ein Gesamtbild wird.
Den Hauptteil nehmen die Tagebücher der beiden Magier ein, die sich mehr oder weniger genau über den gleichen Zeitraum erstrecken und zu großen Teilen dieselben Geschehnisse aus zwei verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Ihr Verständnis von Magie und wie sie darzubieten ist, was sie vom Leben wollen, ihre Konkurrenz um die beste Bühnenillusion, wie weit sie dafür zu gehen bereit sind… Jeder der beiden hat seine Macken, ist nicht wirklich sympatisch, auch extrem in seinen Ansichten, und auch die Fehde ist weder konstant, noch gradlinig oder lebensbestimmend. Immer wieder lassen sie einander monatelang in Frieden, oder einer versucht, die Sache aus der Welt zu schaffen, was aber für den anderen gerade ungelegen kommt, weshalb sich dann doch nichts ändert. Es ist eine sehr realistische Betrachtungsweise zweier extremer Charaktere, deren Fazit es ist, daß sie beide für die Magie alles opfern, jeder auf seine Art. Frewillig, unfreiwillig, gewollt oder versehendlich, nichts davon spielt eine Rolle, und nichts hätte anders laufen können. Auch wenn einer von beiden notiert “wir hätten Freunde sein sollen”. Bittere Erkenntnis, denn gemeinsam – mit der Brillianz des einen und des Talent des anderen – wären sie wahrscheinlich zur Legende geworden.

In erster Linie ist das Buch eine Charakterstudie, in zweiter eine Beschreibung einer Gesellschaft im Aufbruch in das elektrische Zeitalter und damit verbundene Hoffnungen und Träume und in dritter ein Puzzelspiel. Eines, das auch noch interessant ist, wenn man den Film mit Bale/Jackman gesehen hat, denn wie so meist denkt man, man weiß, wie es ausgeht, und dann ist es doch irgendwie anders, weil Verlauf der Geschichte und Motive der handelnden Personen andere sind, was bei “Das Kabinett des Magiers” auf der ganzen Linie zutrifft. Der Film ist reißerisch, das Buch ist es nicht. Und am Schluß steht vor allem die Frage, ob es das wert ist. Ab wann ist ein Preis zu hoch, um ihn zu zahlen, auch wenn man etwas wirklich, wirklich will?

Patricia McKillip – Winter Rose

Fantasy, Roman Juni 25th, 2008

Seitdem ich mit Od Magic begonnen habe, kann ich von Büchern von Patricia McKillip kaum noch die Finger lassen. Nachdem ich aber, fürchterlicherweise, recht bald alle gelesen habe, ist dieser Lesewahnsinn auch bald vorbei. Die Bücher sind ja, bis auf die Riddle-Master Trilogie, alle durchwegs zügig geschrieben und kaum 300 Seiten stark.

Was mich beim Lesen der Bücher erstaunt hat, war, dass sich mit jedem mehr Parallelen im Aufbau und der Struktur etablieren, als ich gedacht hätte. Eine dieser Strukturen ist, dass sich mehrere Charaktere jeweils im Kreis pro Kapitel abwechseln. Zum Beispiel: Vier Hauptcharaktere, dann immer vier Kapitel, jeweils eines aus der Sicht eines der Charaktere geschrieben, bis der Zyklus wieder von vorne beginnt. Aufgebrochen wird dies nur, wenn gegen Ende mehrere dieser Charaktere zusammengeführt werden und der Höhepunkt drohend sein Haupt erhebt.

Eine wohltuende Unterbrechung dieses Schemas war Winter Rose. Das Buch ist komplett in der ersten Person verfasst, aus der Sicht von Rois Melior, der Tochter eines größeren Bauern und des Nachbarn von Corbet Lynn, der in das Haus seines Großvaters zurückgekehrt ist, um es wieder aufzubauen. Corbet ist schön und mysteriös. Der Mord seines Vaters an seinem Großvater und dessen anschließendes Verschwinden überschattet die Familiengeschichte und ist bis heute ein bedeutendes Gesprächsthema des Ortes. Rois’ Schwester Laurel verliebt sich in Corbets Schönheit, während sich Rois in seinem Mysterium verliert, um der Wahrheit hinter diesem Schritt für Schritt näher zu kommen.

McKillip versteht es – wie immer, könnte man meinen – das Erzähltempo der Geschichte perfekt an die Ereignisse anzupassen und mit ihrer fantastischen Sprache und Erzählweise den Leser immer fest an das Buch zu binden.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Winterrose erschienen. Wie immer habe ich leider keine Ahnung, wie die Übersetzung gelungen ist.

Sean Russell – The Swans’ War (Das verlorene Königreich)

Fantasy, Roman, Serie Juni 16th, 2008

Diese Reihe hat bei mir eingeschlagen wie der Blitz! Eigentlich habe ich nur schnell ein Buch gesucht, um Stephans Geburtstagsgeschenk zu maskieren (denn wenn ein Päckchen von Amazon kam und danach kein neues Buch rumliegt, wird er misstrauisch *g*) und schnell das erstbeste genommen, was mir in die Finger kam. Das war dann Band 1 und sobald ich die ersten paar Seiten gelesen hatte, hat es mich nicht mehr losgelassen. Schnell noch die Bände 2 und 3 nachbestellt… Eigentlich wollte ich mir die dann für den langen Flug am nächsten Samstag aufheben, aber ich konnte nicht und jetzt habe ich Band 2 auch schon gelesen, nur bei Band 3 bin ich bis jetzt eisern geblieben – aber das schaffe ich gerade auch nur, weil ich einfach nochmal mit Band 1 angefangen habe. Eine solche Faszination haben auf mich bis jetzt nur zwei Fantasy-Reihen ausgeübt: der Herr der Ringe und Barbara Hambly’s Darwath-Reihe. Aber bei beiden war ich noch sehr viel jünger und unerfahrener und die letzten Jahre hatte ich schon befürchtet, daß es gar keine Fantasy mehr gäbe, die mich noch überraschen kann. Aber es gibt sie.

Die Handlung der Bücher ist etwas schwierig zu beschreiben, deswegen fange ich mit dem Setting an. Die Geschichte spielt im Tal des Flusses Wynnd, nur ab und zu einmal entfernt sie sich ein bißchen vom Flußufer. Es gibt keine Karten in diesen Büchern, aber die braucht es auch nicht, denn ein Fluß fließt immer nur in eine Richtung. Man muß die Reihenfolge der Orte kennen und auf welchem Ufer sie liegen, aber wie sich der Fluß dazwischen krümmt und windet ist egal. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn der Fluß fließt durch zwei “Welten”. Das eine ist die normale Welt, genannt “the land between the mountains”. Das andere ist eine seltsame Anderwelt. Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich nicht von der normalen Welt. Erst mit der Zeit lernen die Helden, sie zu erkennen, weil hier andere Pflanzen wachsen und es Tiere gibt, die in der normalen Welt nur noch in Legenden vorkommen. Manche Sachen sind aber auch seltsamer, so gibt es z.B. einmal eine Insel im Fluß, auf deren einen Seite das Wasser donnernd viele Meter in die Tiefe stürzt, auf der anderen Seite aber beinahe so ruhig wie ein See dahinfließt – und trotzdem treffen beide Arme wieder zusammen, ohne daß einer deutlich länger gewesen wäre als der andere.

Nur wenige verirren sich in die Anderwelt und noch weniger können sie nach Belieben aufsuchen. Auch passen die beiden Welten an den Nahtstellen nicht zusammen. Ein kurzer Weg durch die Anderwelt und man kommt an einem weit entfernten Punkt in der Realwelt wieder heraus. Warum das so ist, wird im zweiten Band erklärt, aber das will ich euch nicht verraten.

Weltenbastlerisch gesehen ist die Welt nichts besonderes. Es gibt nur Menschen und verschiedene Formen von Geistern, keine sonstigen Wesen. Die Kultur lehnt sich sehr stark an das späte Mittelalter an, es gibt Turniere wo getjosted wird, was das Zeug hält, Maskenbälle, Burgen und kleine Bauerndörfer. Neues gibt es hauptsächlich in der Form von Tieren und Pflanzen, die meistens aber nur ganz beiläufig erwähnt werden. Das aber so geschickt, daß man ohne große Erklärung eine Ahnung davon bekommt, was damit gemeint ist.

Kommen wir zur Handlung. Am Anfang dachte ich, daß das alles in recht gewohnten Bahnen ablaufen würde. Drei junge Burschen aus einer abgelegenen Gegend wollen die Welt sehen und ein paar gediegene Abenteuer erleben, eine Art Barde sucht nach Geschichten von längst vergangenen Zauberern und im Kernland befehden sich zwei Adelsfamilien bis aufs Blut. Hat man alles schon mal gelesen. Aber mit jeder neuen Szene wird das Bild komplexer. Jede Person hat ihre eigenen Motive und es tauchen ständig neue Bedeutungsebenen auf. Mir fehlt wie gesagt der dritte Band noch und ich will auch nicht zu viel verraten. Nur so viel sei gesagt: die eigentliche Geschichte, so wie man sie in ein paar Sätzen zusammenfassen könnte, ist nicht so außergewöhnlich, aber die Art, wie sie erzählt wird und die vielen Details und Nuancen, die ihr erst ihre eigentliche Bedeutung geben, habe ich so noch selten gesehen. In amerikanischen Büchern werden ja gerne seitenweise irgendwelche begeisterten Zitate von Autoren, Kritikern und anderem berufenem Volk gebracht. Meist sind die ja relativ austauschbar. Aber auf Band zwei steht vorne draud “Unique and wonderfully unpredictable” – und dem kann ich nur voll zustimmen.

Einen gewissen Abzug muß ich Russell bei der Charakterisierung seiner Figuren geben. Eigentlich macht er es nicht schlecht, die Figuren sind mehrdimensional und ich hatte auch nie Probleme, die Namen zuzuordnen oder mich an sie zu erinnern. Aber es sind einfach zu viele. Stand Ende von Band 2 bin ich auf etwas über 20 für die Handlung wichtige Leute gekommen, wovon sicher 2/3 auch mal die Perspektive haben. Das ist einfach zu viel, um sich tief mit einer Person verbunden zu fühlen und immer mal wieder tauchen Figuren auch über längere Zeit in der Versenkung ab, obwohl sie bei der Handlung eigentlich dabei sind, aber man kann ja nicht ständig schreiben, was 15 Personen in jeder Szene machen. Wenn so eine Person dann plötzlich wieder in den Fokus rückt, dann geht es mir zumindest so, daß ich mich zwar freue, wieder etwas von ihr zu hören, daß ich aber eingestehen muß, sie nicht wirklich vermisst zu haben und dafür gibt es den Abzug.

Auf der anderen Seite tragen aber gerade diese vielen Figuren zu der Unvorhersagbarkeit der Handlung bei. Immer wieder taucht irgendwo eine Figur auf und als erfahrener Leser denkt man sich “Klar, Nebenfigur. Die muß unseren Helden jetzt kurz aus der Patsche helfen und dann sieht man sie nie wieder.” Von wegen! Ich hab jetzt schon mindestens fünfmal erlebt, daß aus so einer Figur einen halben Band oder so später plötzlich ein zentraler Perspektiventräger wird. Und das ganze noch so, daß es irgendwie immer ganz selbstverständlich wirkt. Große Klasse!

Auch sprachlich finde ich die Bücher sehr gelungen. In den Actionszenen kann man das Buch nicht eine Sekunde weglegen, dazwischen gibt es wieder eher lyrische Passagen und wie bei Tolkien auch mal das eine oder andere Gedicht (aber nie so lang wie beim Altmeister *g*). Mir hat besonders gefallen, wie Russell durch ungewöhnliche Gegenüberstellungen eine Szene in wenigen Worten beschreiben kann. So etwas liebe ich.

“The ruined tower stood above the old battlefield at Telanon bridge, an empty-eyed sentinel overlooking a meadow of spring flowers and slumbering ghosts. A cooling breeze bore the scent of ice and snow down from the nearby mountains, and the trees bordering the old battlefield began the furtive whispering that haunted the winds by night.”
“From the crumbling battlements Tam watched the shadow of great Eldhorn wash over the hills; night’s tide flowing, silent and relentless. Shadows pooled in the valleys and made islands of hilltops still lit by the sun” (Bd 1 – S. 8 )

Noch ein Wort zur Magie: Wenn man die Klappentexte liest, dann ist viel die Rede von Magiern. Tatsächlich haben sie jetzt, gegen Ende des zweiten Bandes, sogar angefangen, den einen oder anderen Zauber zu wirken. Aber großteils ist die Magie zwar ständig präsent, aber in einer etwas anderen Art als man es normalerweise findet. Vielleicht kann man es am besten mit Geistern vergleichen. Ja, Geister sind etwas übernatürliches, aber nicht, weil sie etwas besonderes machen, sondern weil sie anders sind. So ähnlich ist es mit der Magie in diesen Büchern auch. Sie ist größtenteils einfach da, ohne durch große Feuerbälle, Beherrschungszauber oder so etwas auf sich aufmerksam machen zu müssen. Selbst ich als großer Magiehasser finde das sehr gelungen.

So, jetzt hab ich genug geschwärmt. Intelligente, sprachlich hervorragende Fantasy, die man unbedingt mal gelesen haben sollte.

PS: Die Serie ist auch auf deutsch erschienen. Die Bände heißen da Nachtvogel,Goldvogel und Sturmvogel.

Carlo Collodi – Pinocchio

Kinderbuch, Märchen, Roman April 22nd, 2008

Die meisten Leute um 30 werden sich noch an die Zeichentrickserie “Pinocchio” erinnern, die in Japan Mitte der 70er Jahre produziert und erstmals in Deutschland 1977-78 ausgestrahlt wurde. Die Geschichten basieren alle auf dem gleichnamigen Kinderbuch, welches 1881 in einer italienischen Zeitschrift erschien.

Ich war von Beginn an vorsichtig beim Lesen. Was erwartet einen? Kindererziehung des 19. Jhdts. Anhand moralischer Ideale wird deduziert, wie sich ein anständiges und ordentliches Kind zu verhalten hat und wie streng Eltern sein müssen, um diese Ideale ihrem Kind einzuprägen. Collodi dient für diesen Beweis die hölzerne Figur des Pinocchio, der jeden Fehler begeht, den ein schlimmes Kind begehen kann. Pinocchio ist unstet, eigensinning, egoistisch, immer auf seinen Vorteil bedacht. Er ergreift jede Möglichkeit neugierig beim Schopf, um aus seinem Alltag ausbrechen zu können. Dieses Ausbrechen aus den elterlichen Rahmensetzungen hat zur Folge, dass ihm allerlei schlechtes geschieht und er durch diese schlechten Erlebnisse aber auch an sich selbst wachsen kann.

Pinocchios Lügen haben bekanntlich keine lange Beine. Die Erklärung dafür ist einfach:

“Wieso aber weißt du, dass es eine Lüge war?”
“Die Lügen, mein Junge, erkennt man sofort, es gibt nämlich zwei Arten: Es gibt Lügen, die haben kurze Beine, und solche, die haben lange Nasen. Die deinen gehören zu denen, die eine lange Nase haben.” (Seite 85)

Das größte Ärgernis in jeder Kindheit, die, wie es sich Pinocchio so sehnlichst wünscht, ausgiebig genossen werden soll – das 19. Jhdt war die Hochburg biedermeierscher Kindheitsträume – die Schule, stellt auch für Pinocchio ein solches dar, der die sich strukturbedingt spät zeigenden Vorzüge der Schule anfangs nicht zu schätzen weiß:

“Ich meinte…”, wimmerte der Holzbube mit leiser Stimme, “jetzt noch zur Schule zu gehen, scheint mir ein wenig zu spät…”
[…]
“Mein Junge”, belehrte ihn die Fee, “wer so spricht, endet fast stets im Gefängnis oder im Krankenhaus. Merke dir das: Ein Mensch, sei er reich oder arm geboren, ist verpflichtet, in dieser Welt sich mit etwas zu beschäftigen, zu arbeiten. Wehe, wenn man sich vom Müßiggang beherrschen lässt! Das Faulenzen ist eine sehr schlimme Krankheit, die man sofort, von Kind an, heilen muss. Wenn man groß ist, heilt man sie sonst nicht mehr.” (Seite 127)

Die Schule hat die Arbeit der Kinder zu sein. Eine Vorstellung, die bis heute prägend geblieben ist. Pinocchio selbst folgt nicht dem guten Rat der Fee, die im Laufe des Buches seine Mutterrolle übernimmt, und muss erst zum Esel werden und Gutes tun, um diese Qualitäten der Arbeit, das heißt der Schule, zu begreifen.

Kinder haben Gehorsam zu leisten und zu tun, was ihnen von ihren Eltern gesagt wird, nicht, was sie selbst wünschen, ist eine der Hauptaussagen des Buches. Anhand der vielfältigen Beispiele wird gezeigt, was dem bösen Kind alles geschieht, wenn es jenen Gehorsam nicht aufbringt. Dass das alles – Holzpuppe, Haifisch von einem Kilometer Länge, Feen, sprechende Katzen und Füchse – reine Fiktion, ein modernes Märchen ist, nimmt dem moralischen Anspruch nicht seine Schärfe. So wie bei jedem anderen Märchen ebenso.

Sibylle Krause-Burger – Herr Wolle läßt noch einmal grüßen

Drittes Reich, Geschichte, Tatsachenroman April 20th, 2008

Sibylle Krause-Burger erzählt die Geschichte ihrer Familie, angefangen bei ihren Großeltern. Mütterlicherseits jüdische Fabrikanten in Berlin, väterlicherseits ein schwäbisch-pietistischer Beamter der ersten Generation, noch ganz verwurzelt in seiner bäuerlichen Herkunft. Man lernt sich kennen in einem Berliner Mietshaus der 20er Jahre, als der Schwabe einige Zeit in die Reichshauptstadt abgeordnet ist. Zwischen der jüdischen Tochter und dem schwäbischen Sohn funkt es gewaltig und gegen den Widerstand der schwäbischen Eltern setzen sie ihre Hochzeit durch. Dann kommt das dritte Reich und plötzlich haben die schwäbischen Eltern nicht nur eine jüdische Schwiegertochter, sondern auch einen Schwiegersohn, der SS-Offizier ist. Ein Konflikt, der die Familie fast zerreißt.

Mich hat an dem Buch die Lebensnähe sehr beeindruckt. Es sind ganz normale Menschen, mit all ihren Widersprüchen und Ungereimtheiten. So steht der schwäbische Vater der jüdischen Schwiegertochter so lange ablehnend gegenüber, bis sie durch die Nazis in ernste Gefahr gerät. Ab diesem Moment unterstützt er sie so gut er kann. Wie die Autorin schreibt “der Nationalsozialismus hat ihn von seinem Antisemitismus geheilt.” Ich fand das Buch sehr bewegend, auch wenn es ganz nüchtern und ohne Theatralik einfach nur die Geschehnisse erzählt. Es kann aber sein, daß ich etwas voreingenommen bin, denn das schwäbische Dorf, das gegen Ende des Buches eine wichtige Rolle spielt, ist mein Heimatort.

Alexander McCall Smith – Mma Ramotswe

Krimi, Roman, Serie April 18th, 2008

Die Buchreihe über die “No 1 Ladies Detective Agency” spielt im Botswana unserer Tage. Precious Ramotswe (Mma ist die traditionelle Anrede für eine Frau in Botswana) hat von ihrem Vater ein bißchen Geld und ein Haus in Gaborone, der Haupstadt von Botswana, geerbt. Wie soll sie jetzt ihren Lebensunterhalt verdienen? Sie beschließt, die erste Privatdetektei Botswanas zu gründen – wie das geht hat sie aus einem Buch gelernt.

In jedem der Bücher muß Mma Ramotswe mehrere Fälle lösen, aber meistens handelt es sich um zwischenmenschliche Probleme und das Gewicht liegt eher auf den Personen als auf der bloßen Aufklärung eines Kriminalfalls. Oft löst Mma Ramotswe ihre Fälle bei einer schönen Tasse Tee mit der größten Klatschbase des jeweiligen Dorfes. Interessanter ist dann, wie man das Ergebnis dem Klienten beibringt – oder ob man ihm vielleicht auch etwas verschweigen muß, um ihm zu helfen.

Neben Mma Ramotswe, die ihren Körperbau als “traditionally built” beschreibt und klapprigen Stühlen misstraut, gibt es noch einige ständig wiederkehrende Figuren, insbesondere Mma Makutsi, die als erste Schülerin überhaupt 97% im Abschlußexamen des Botswana Secretarial College erreicht hat (worauf sie bei jeder Gelegenheit hinweist) und Mr. J.L.B. Matekoni, Mma Ramotswes etwas zögerlicher Verlobter und der beste Automechaniker der Welt (in Mma Ramotswes Augen). Als vierte Hauptperson müßte man wohl Botswana selbst nennen, das für Mma Ramotswe klar das beste Land Afrikas ist, mit den vernünftigsten und ehrbarsten Menschen. In irgendeinem Band stellt sie mal die Theorie auf, daß das daran läge, daß es in Botswana so wenig Mercedes gibt. Je mehr Mercedes in einem Land, desto verkommener die Leute.

Ich war leider noch nie im südlichen Afrika, aber in den Büchern wird diese Gegend sofort lebendig und auch die Denkweise der Leute ist wunderbar eingefangen. In Botswana laufen manche Dinge eben etwas anders als bei uns. Alexander McCall Smith ist übrigens ein schottischer Juraprof, aber er hat lange in Botswana gelebt und man merkt ihm die Liebe für dieses Land in jedem Satz an.

Die Serie ist größtenteils(?) auch auf deutsch erschienen, aber selbst meine Mutter kommt mittlerweile mit den englischen Büchern klar. Bis jetzt gibt es die folgenden Bände

  1. The No. 1 Ladies’ Detective Agency
  2. Tears of the Giraffe
  3. Morality for Beautiful Girls
  4. The Kalahari Typing School for Men
  5. The Full Cupboard of Life
  6. In the Company of Cheerful Ladies
  7. Blue Shoes and Happiness
  8. The Good Husband of Zebra Drive
  9. The Miracle at Speedy Motors

Patricia McKillip – Od Magic

Fantasy, Roman April 17th, 2008

Od ist die bedeutendste Magierin im Land. Sie hatte sich dem König vorgestellt und eine Schule für Magie in der Hauptstadt gegründet, nachdem der König erkannte, dass er diese Dame nicht so leicht ziehen lassen kann.

Seither sind viele Jahr vergangen. Od hat irgendwann einmal ihrer Schule den Rücken gekehrt und schaut nur gelegentlich – alle paar hundert Jahre oder so – vorbei. Lebenszeichen der Gründerin sind selten. Als ein Junge zur “Hintertür” hereinspaziert, wird dieser umso erwartungsvoller aufgenommen. Diese Tür benutzt normalerweise niemand…

Od Magic ist eine Geschichte des Aufbegehrens gegen erstarrte Strukturen, ein Plädieren für Eigenständigkeit, Individualität und Freiheit. Wie immer lässt McKillip den Ort der Handlung im großen Rahmen unbeschrieben, hält sich nur dort auf, wo es tatsächlich notwendig ist. Ihre Beschreibung von Magie ist gerade in diesem Werk wundervoll. Magie liest sich magisch ;)

Ich weiß nicht, wie gut die deutsche Übersetzung Der Zaubergärtner gelungen ist.