Carlo Collodi – Pinocchio

Kinderbuch, Märchen, Roman April 22nd, 2008

Die meisten Leute um 30 werden sich noch an die Zeichentrickserie “Pinocchio” erinnern, die in Japan Mitte der 70er Jahre produziert und erstmals in Deutschland 1977-78 ausgestrahlt wurde. Die Geschichten basieren alle auf dem gleichnamigen Kinderbuch, welches 1881 in einer italienischen Zeitschrift erschien.

Ich war von Beginn an vorsichtig beim Lesen. Was erwartet einen? Kindererziehung des 19. Jhdts. Anhand moralischer Ideale wird deduziert, wie sich ein anständiges und ordentliches Kind zu verhalten hat und wie streng Eltern sein müssen, um diese Ideale ihrem Kind einzuprägen. Collodi dient für diesen Beweis die hölzerne Figur des Pinocchio, der jeden Fehler begeht, den ein schlimmes Kind begehen kann. Pinocchio ist unstet, eigensinning, egoistisch, immer auf seinen Vorteil bedacht. Er ergreift jede Möglichkeit neugierig beim Schopf, um aus seinem Alltag ausbrechen zu können. Dieses Ausbrechen aus den elterlichen Rahmensetzungen hat zur Folge, dass ihm allerlei schlechtes geschieht und er durch diese schlechten Erlebnisse aber auch an sich selbst wachsen kann.

Pinocchios Lügen haben bekanntlich keine lange Beine. Die Erklärung dafür ist einfach:

“Wieso aber weißt du, dass es eine Lüge war?”
“Die Lügen, mein Junge, erkennt man sofort, es gibt nämlich zwei Arten: Es gibt Lügen, die haben kurze Beine, und solche, die haben lange Nasen. Die deinen gehören zu denen, die eine lange Nase haben.” (Seite 85)

Das größte Ärgernis in jeder Kindheit, die, wie es sich Pinocchio so sehnlichst wünscht, ausgiebig genossen werden soll – das 19. Jhdt war die Hochburg biedermeierscher Kindheitsträume – die Schule, stellt auch für Pinocchio ein solches dar, der die sich strukturbedingt spät zeigenden Vorzüge der Schule anfangs nicht zu schätzen weiß:

“Ich meinte…”, wimmerte der Holzbube mit leiser Stimme, “jetzt noch zur Schule zu gehen, scheint mir ein wenig zu spät…”
[…]
“Mein Junge”, belehrte ihn die Fee, “wer so spricht, endet fast stets im Gefängnis oder im Krankenhaus. Merke dir das: Ein Mensch, sei er reich oder arm geboren, ist verpflichtet, in dieser Welt sich mit etwas zu beschäftigen, zu arbeiten. Wehe, wenn man sich vom Müßiggang beherrschen lässt! Das Faulenzen ist eine sehr schlimme Krankheit, die man sofort, von Kind an, heilen muss. Wenn man groß ist, heilt man sie sonst nicht mehr.” (Seite 127)

Die Schule hat die Arbeit der Kinder zu sein. Eine Vorstellung, die bis heute prägend geblieben ist. Pinocchio selbst folgt nicht dem guten Rat der Fee, die im Laufe des Buches seine Mutterrolle übernimmt, und muss erst zum Esel werden und Gutes tun, um diese Qualitäten der Arbeit, das heißt der Schule, zu begreifen.

Kinder haben Gehorsam zu leisten und zu tun, was ihnen von ihren Eltern gesagt wird, nicht, was sie selbst wünschen, ist eine der Hauptaussagen des Buches. Anhand der vielfältigen Beispiele wird gezeigt, was dem bösen Kind alles geschieht, wenn es jenen Gehorsam nicht aufbringt. Dass das alles – Holzpuppe, Haifisch von einem Kilometer Länge, Feen, sprechende Katzen und Füchse – reine Fiktion, ein modernes Märchen ist, nimmt dem moralischen Anspruch nicht seine Schärfe. So wie bei jedem anderen Märchen ebenso.

Sibylle Krause-Burger – Herr Wolle läßt noch einmal grüßen

Drittes Reich, Geschichte, Tatsachenroman April 20th, 2008

Sibylle Krause-Burger erzählt die Geschichte ihrer Familie, angefangen bei ihren Großeltern. Mütterlicherseits jüdische Fabrikanten in Berlin, väterlicherseits ein schwäbisch-pietistischer Beamter der ersten Generation, noch ganz verwurzelt in seiner bäuerlichen Herkunft. Man lernt sich kennen in einem Berliner Mietshaus der 20er Jahre, als der Schwabe einige Zeit in die Reichshauptstadt abgeordnet ist. Zwischen der jüdischen Tochter und dem schwäbischen Sohn funkt es gewaltig und gegen den Widerstand der schwäbischen Eltern setzen sie ihre Hochzeit durch. Dann kommt das dritte Reich und plötzlich haben die schwäbischen Eltern nicht nur eine jüdische Schwiegertochter, sondern auch einen Schwiegersohn, der SS-Offizier ist. Ein Konflikt, der die Familie fast zerreißt.

Mich hat an dem Buch die Lebensnähe sehr beeindruckt. Es sind ganz normale Menschen, mit all ihren Widersprüchen und Ungereimtheiten. So steht der schwäbische Vater der jüdischen Schwiegertochter so lange ablehnend gegenüber, bis sie durch die Nazis in ernste Gefahr gerät. Ab diesem Moment unterstützt er sie so gut er kann. Wie die Autorin schreibt “der Nationalsozialismus hat ihn von seinem Antisemitismus geheilt.” Ich fand das Buch sehr bewegend, auch wenn es ganz nüchtern und ohne Theatralik einfach nur die Geschehnisse erzählt. Es kann aber sein, daß ich etwas voreingenommen bin, denn das schwäbische Dorf, das gegen Ende des Buches eine wichtige Rolle spielt, ist mein Heimatort.

Alexander McCall Smith – Mma Ramotswe

Krimi, Roman, Serie April 18th, 2008

Die Buchreihe über die “No 1 Ladies Detective Agency” spielt im Botswana unserer Tage. Precious Ramotswe (Mma ist die traditionelle Anrede für eine Frau in Botswana) hat von ihrem Vater ein bißchen Geld und ein Haus in Gaborone, der Haupstadt von Botswana, geerbt. Wie soll sie jetzt ihren Lebensunterhalt verdienen? Sie beschließt, die erste Privatdetektei Botswanas zu gründen – wie das geht hat sie aus einem Buch gelernt.

In jedem der Bücher muß Mma Ramotswe mehrere Fälle lösen, aber meistens handelt es sich um zwischenmenschliche Probleme und das Gewicht liegt eher auf den Personen als auf der bloßen Aufklärung eines Kriminalfalls. Oft löst Mma Ramotswe ihre Fälle bei einer schönen Tasse Tee mit der größten Klatschbase des jeweiligen Dorfes. Interessanter ist dann, wie man das Ergebnis dem Klienten beibringt – oder ob man ihm vielleicht auch etwas verschweigen muß, um ihm zu helfen.

Neben Mma Ramotswe, die ihren Körperbau als “traditionally built” beschreibt und klapprigen Stühlen misstraut, gibt es noch einige ständig wiederkehrende Figuren, insbesondere Mma Makutsi, die als erste Schülerin überhaupt 97% im Abschlußexamen des Botswana Secretarial College erreicht hat (worauf sie bei jeder Gelegenheit hinweist) und Mr. J.L.B. Matekoni, Mma Ramotswes etwas zögerlicher Verlobter und der beste Automechaniker der Welt (in Mma Ramotswes Augen). Als vierte Hauptperson müßte man wohl Botswana selbst nennen, das für Mma Ramotswe klar das beste Land Afrikas ist, mit den vernünftigsten und ehrbarsten Menschen. In irgendeinem Band stellt sie mal die Theorie auf, daß das daran läge, daß es in Botswana so wenig Mercedes gibt. Je mehr Mercedes in einem Land, desto verkommener die Leute.

Ich war leider noch nie im südlichen Afrika, aber in den Büchern wird diese Gegend sofort lebendig und auch die Denkweise der Leute ist wunderbar eingefangen. In Botswana laufen manche Dinge eben etwas anders als bei uns. Alexander McCall Smith ist übrigens ein schottischer Juraprof, aber er hat lange in Botswana gelebt und man merkt ihm die Liebe für dieses Land in jedem Satz an.

Die Serie ist größtenteils(?) auch auf deutsch erschienen, aber selbst meine Mutter kommt mittlerweile mit den englischen Büchern klar. Bis jetzt gibt es die folgenden Bände

  1. The No. 1 Ladies’ Detective Agency
  2. Tears of the Giraffe
  3. Morality for Beautiful Girls
  4. The Kalahari Typing School for Men
  5. The Full Cupboard of Life
  6. In the Company of Cheerful Ladies
  7. Blue Shoes and Happiness
  8. The Good Husband of Zebra Drive
  9. The Miracle at Speedy Motors

Patricia McKillip – Od Magic

Fantasy, Roman April 17th, 2008

Od ist die bedeutendste Magierin im Land. Sie hatte sich dem König vorgestellt und eine Schule für Magie in der Hauptstadt gegründet, nachdem der König erkannte, dass er diese Dame nicht so leicht ziehen lassen kann.

Seither sind viele Jahr vergangen. Od hat irgendwann einmal ihrer Schule den Rücken gekehrt und schaut nur gelegentlich – alle paar hundert Jahre oder so – vorbei. Lebenszeichen der Gründerin sind selten. Als ein Junge zur “Hintertür” hereinspaziert, wird dieser umso erwartungsvoller aufgenommen. Diese Tür benutzt normalerweise niemand…

Od Magic ist eine Geschichte des Aufbegehrens gegen erstarrte Strukturen, ein Plädieren für Eigenständigkeit, Individualität und Freiheit. Wie immer lässt McKillip den Ort der Handlung im großen Rahmen unbeschrieben, hält sich nur dort auf, wo es tatsächlich notwendig ist. Ihre Beschreibung von Magie ist gerade in diesem Werk wundervoll. Magie liest sich magisch ;)

Ich weiß nicht, wie gut die deutsche Übersetzung Der Zaubergärtner gelungen ist.