Das Kabinett des Magiers – Christopher Priest

Mystery, Tagebuchroman Juni 28th, 2008

“Eine Illusion umfasst drei Phasen.
Zuerst gibt es da die Szenerie auf der Bühne, mit der das Wesen der Nummer angedeutet, suggeriert oder dargelegt wird. Die Requisiten sind zu sehen. Manchmal nehmen Freiwillige aus dem Publikum an den Vorbereitungen teil. Während der einleitenden Phase macht der Magier von jeder nur möglichen Irreführung Gebrauch.
Bei der Ausführung des Tricks gehen die lebenslange Übung des Magiers und die angeborene Geschicklichkeit des Schauspielers eine Verbindung ein und bringen die magische Darbietung hervor.
Die dritte Phase wird manchmal als der Effekt oder (mit einem Wort aus dem Italienischen, das auch “Blendwerk” bedeutet) als der Prestigio bezeichnet und stellt das Produkt der Magie das. Wenn ein Kanichen aus dem Hut gezogen wird, kann man das Tier, das anscheinend vorher nicht existiert hat, den Prestigio des Tricks nennen.”

Blendwerk ist der zentrale Punkt des Buches, denn man bekommt nie gleichzeitig ein vollständiges Bild zu sehen, nur das, was man nach dem Willen des jeweiligen Erzählers sehen soll. Nicht zu vergessen haben wir es mit Magiern zu tun, und die haben natürlich auch Geheimnisse zu hüten und sprechen oft nur in Andeutungen.
Die einzige Ausnahme ist ein kurzes Stück in Teil 3, was dadurch auffällt, dass es als einziges eine objektive Perspektive hat.

“Das Kabinett des Magiers” (englischer Orginaltitel “The Prestige”) ist ein Tagebuchroman. Genauer gesagt, besteht es aus den Tagebüchern von zwei sich befehdenden Magiern während der Zeit um 1900, einem Auszug aus dem Tagebuch der Urenkelin des einen von beiden und einer Rahmenhandlung, die aus der Sicht des Urenkels des anderen erzählt wird. Die beiden letzten dienen nur dazu, die letzten Informationsteilchen zu liefern, damit aus den beiden ersten ein Gesamtbild wird.
Den Hauptteil nehmen die Tagebücher der beiden Magier ein, die sich mehr oder weniger genau über den gleichen Zeitraum erstrecken und zu großen Teilen dieselben Geschehnisse aus zwei verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Ihr Verständnis von Magie und wie sie darzubieten ist, was sie vom Leben wollen, ihre Konkurrenz um die beste Bühnenillusion, wie weit sie dafür zu gehen bereit sind… Jeder der beiden hat seine Macken, ist nicht wirklich sympatisch, auch extrem in seinen Ansichten, und auch die Fehde ist weder konstant, noch gradlinig oder lebensbestimmend. Immer wieder lassen sie einander monatelang in Frieden, oder einer versucht, die Sache aus der Welt zu schaffen, was aber für den anderen gerade ungelegen kommt, weshalb sich dann doch nichts ändert. Es ist eine sehr realistische Betrachtungsweise zweier extremer Charaktere, deren Fazit es ist, daß sie beide für die Magie alles opfern, jeder auf seine Art. Frewillig, unfreiwillig, gewollt oder versehendlich, nichts davon spielt eine Rolle, und nichts hätte anders laufen können. Auch wenn einer von beiden notiert “wir hätten Freunde sein sollen”. Bittere Erkenntnis, denn gemeinsam – mit der Brillianz des einen und des Talent des anderen – wären sie wahrscheinlich zur Legende geworden.

In erster Linie ist das Buch eine Charakterstudie, in zweiter eine Beschreibung einer Gesellschaft im Aufbruch in das elektrische Zeitalter und damit verbundene Hoffnungen und Träume und in dritter ein Puzzelspiel. Eines, das auch noch interessant ist, wenn man den Film mit Bale/Jackman gesehen hat, denn wie so meist denkt man, man weiß, wie es ausgeht, und dann ist es doch irgendwie anders, weil Verlauf der Geschichte und Motive der handelnden Personen andere sind, was bei “Das Kabinett des Magiers” auf der ganzen Linie zutrifft. Der Film ist reißerisch, das Buch ist es nicht. Und am Schluß steht vor allem die Frage, ob es das wert ist. Ab wann ist ein Preis zu hoch, um ihn zu zahlen, auch wenn man etwas wirklich, wirklich will?